Wir hatten noch ca. 7 Tage in Bolivien bevor unser Rückflug von Santa Cruz de la Sierra starten sollte. Obwohl wir überlegten uns von Uyuni noch auf den Weg in den Süden zu machen (eine Weingegend) entschlossen wir uns dann doch den ursprünglichen Plan zu verfolgen und über Potosi (4 Stunden mit dem Bus) nach Sucre (3 weitere Busstunden) zu fahren. Die erste Station, Potosi, war bekannt für seine reichen Silbervorkommen, welche vor allem den Spaniern zu Kolonialzeiten zu großem Reichtum verholfen hatten.

Auch heute arbeiten noch viele in den Minen unter katastrophalen Arbeitsbedingungen. Die Erträge (Silber, Zinn, Blei, Kupfer?) sind dabei die Hauptmetalle, aber die Hauptadern (waren z.T. wohl mehrere Meter breit) sind jedoch schon lange ausgebeutet – die Nebenadern (max. 30 cm breit) sind jetzt im Fokus. Die Einheimisch nennen den Berg auch „der Berg, der Menschen frisst“. Enno buchte eine Halbtags-Tour, um es sich selbst anzusehen. Wir diskutierten, ob das jetzt schon Armutstourismus sei. Haben die Menschen etwas davon, dass sich Touristen ansehen, wie sie sich unter gefährlichen Bedingungen ein Einkommen erarbeiten, dass gerade zum Überleben reicht? Eine Arbeit, die die Lebenserwartung auf ca. 60 Jahre senkt (wenn kein Unfall dazwischenkommt) – mit sehr wahrscheinlichem Lungenkrebs am Ende (Asbest und Staub sind hier hauptsächlich verantwortlich). Es wird zwar eine kleine Abgabe erhoben, die der Genossenschaft und damit den Arbeitern zugutekommt, aber ist natürlich nicht der Löwenanteil des Ticketpreises.
Nach meinem Besuch in der Mine hatte ich das Gefühl, dass die Menschen auf ihre Arbeit stolz sind und sich über die Touristen amüsieren, die auch mal versuchen einen Steinsack zu befüllen. Die Risiken sind allen bewusst und klar, die meisten hätten lieber einen sicheren Bürojob und ja, wenn die Kinder ab 14 Jahren erste, leichtere Hilfsarbeiten im Berg übernehmen, dann tun sie es nicht, weil sie nicht lieber draußen in der Sonne spielen oder in die Schule gehen würden. Aber kann es der Tourist (2 Tage in der Stadt) das ändern? Eher nicht. Sollte er sich besser fühlen, weil er eine minimale Abgabe an die Bergwerksgenossenschaft gezahlt hat? Auch eher nicht. Aber wenigstens hatte unser Führer die Möglichkeit an einem Tag nicht tief in die Mine zu müssen (3 von 6 Tagen hilft er seinem Vater/ seiner Familie am eigenen Claim), sondern konnte mit den Touristen etwas mehr Geld verdienen und seine Gesundheit wenigstens etwas schonen. Dazu kommt die Ticketverkäuferin, der Fahrer und vielleicht noch jemand im Backoffice. War der Besuch im Bergwerk damit verwerflich? Ich hatte zumindest ein gutes Gefühl damit.
Aber jetzt zur Bergwerkstour. Nach Ausgabe der Ausrüstung (Gummistiefel, Jacke, Hose, Helm, Lampe) ging es zum Bergmanns-Shop in dem uns vorgeschlagen wurde, Mitbringsel für die Bergleute zu besorgen. „Saft“ (eher Zuckerwasser) sei derzeit bei den Jüngeren hoch im Kurs, während die Älteren noch traditionell Kokablätter kauen würden. Daneben wurde auch Dynamit, Zünder mit Schnur (1 m), Bohrer, Spitzhacken, Schaufeln, Rucksäcke (für die Steine), Ammoniumnitrat gemischt mit Benzin (für den Extra-Bumms) und Minzbonbons verkauft. Gut eingedeckt gings in die Mine mit Heiligenschrein am Eingang (katholisch aus spanischen Kolonialzeiten) und Lamablut über dem Tor (ganz frisch). Das Blut wurde erst am Samstag vorher vergossen und war Teil eines Dankesrituals an die (guten) Götter des Berges (nicht ganz so katholisch, sondern Teil der historisch überlieferten Traditionen). Hierzu gehören auch große Mengen Alkohol, die nur im geringen Maße verschüttet werden. Man bittet um Sicherheit, ertragreiche Erzadern und Segen für die Familie – keine schlechte Idee. Hinein in den Berg ging es einen relativ hohen, aber schmalen Gang mit zwei Schienen am Boden. Nur ein Schienenpaar für Ein- und Ausfahrt der Loren (schwere Metallwagen, die aussahen wie aus dem Bergwerksmuseum in Freiberg). Das hieß: wenn sich zwei Gefährte begegneten, musste eins aus der Bahn gekippt werden – 250 kg pro Lore (leer).

Nach 50 m kamen wir zur ersten Ausweichstelle (für die Bergleute/ Touristen, nicht für die Loren) – und die war auch dringend nötig, denn zwischen den Ausweichstellen war selten genug Platz im Gang für eine Lore und eine Person. Ziemlich haarsträubende Konstruktion, da die Loren, wenn sie voll beladen waren (1000 kg) mit ziemlichem Tempo die zum Ausgang hin abschüssige Bahn hinabgesteuert wurden. Wobei gesteuert ziemlich euphemistisch ist, denn der Bremsweg (es wurde gebremst, wenn klar war, dass jemand im Gang war) war eher lang. In der Ausweichstelle stand dann die nächste Überraschung: eine Teufelsstatue mit Hörnern, Zigarette im Mund, bedeckt mit Lametta und bestreuselt mit Kokablättern. Der „böse“ Gott der Tiefe (ohne Konkurrenz zum katholischen Gott, aber hier drinnen war die Existenz von etwas Ungutem wohl nicht zu bestreiten) wollte besänftigt werden und außerdem sollte er doch bitte etwas von seinem Erz rausrücken. Der Deal war hier: Purer Alkohol (97 Vol.%, unvergällt) gegen pures Erz. Zwei Schlucke für ihn, einen für den Führer. Alternativ auch Bier, aber niemals Wein. Der Wein sei dem Blut zu nah und wenn der Berg Blut kosten würde (durch eine Verletzung), dann sei man seines Lebens nicht mehr sicher. Also lieber nicht…
Weiter ging es über einen Verbindungsstollen (50 cm Höhe, wir durften für 7 m durch den Staub kriechen – ein mulmiges Gefühl inklusive) in einen tiefer gelegeneren Abschnitt. Aus der Ferne waren immer mal wieder dumpfe Geräusche zu vernehmen, es werde wohl gerade fleißig gesprengt. Aber zum Glück nicht beim aktuellen Abschnitt, hier trafen wir nur 4 beschäftigte Bergleute, die gerade die Steinsäcke zum Transport in ein höheres Stockwerk (per Elektrowinde) füllten. Wie am Anfang beschrieben, war die Stimmung nicht mutlos – wahrscheinlich wurde gerade etwas gefunden.
Das war auch schon quasi das Finale der Tour, denn danach gings durch die bekannten engen Stollen raus und an die frische Luft. Es waren am Ende nur ca. 1,5 – 2 Stunden unter der Erde, aber durch die permanente (mentale) Anspannung war man am Ende ziemlich „erschöpft“. Man kann es nicht anders beschreiben. Ein paar letzte Fotos später und ich war wieder im Zentrum von Potosi.
Am nächsten Tag ging es gegen 10:00 Uhr bzw. 10:30 Uhr (den ersten Bus haben wir dann auch gleich erstmal verpasst, da der neue Busbahnhof 30 min vom Stadtzentrum entfernt war…) nach Sucre. In Sucre, Hauptstadt Boliviens und UNESCO Weltkulturerbe, hatten wir uns ein wunderschönes Altstadthotel ausgesucht, in dem wir die letzten Tage ganz in Ruhe ausklingen lassen wollten. Wir wurden auch nicht enttäuscht und genossen das immer-heiße Wasser, das reichhaltige Frühstück und die Ruhe des begrünten Innenhofes. Wir verbrachten 4 Nächte in Sucre und machten, außer mittelgroßen Stadtbesichtigungen, Marktausflügen (inklusive frisch gepressten Säften und kleineren Shoppingtouren) und schönen Abendessen nicht besonders viel. Das ein oder andere Souvenir hat den Weg aus Sucre in unsere Rucksäcke gefunden 😉 Auch, wenn nicht alles Alpakawolle ist, wo Alpakawolle draufsteht…

Von Sucre aus gings es gegen Mittag per Inlandsflug (wir hatten irgendwie keine Lust mehr auf 12-stündige Busfahrten…) nach Santa Cruz de la Sierra, der größten Stadt des Landes und unserem Abflughafen auf die Dominikanische Republik. Da die beste Verbindung von Bolivien auf unsere Strandurlaubsinsel (Dom. Republik) am nächsten Tag um 3 Uhr morgens startete, hatten wir noch etwas Zeit, uns die Stadt anzusehen. Wir beschränkten es auf das Zentrum, wo ich im Stadtpark vom lokalen livrierten Milchmann eine warme Milch (stark gesüßt, ohne gabs nicht) erwarb und die jugendlichen Schachspieler bewunderte. Nach leckerem Abendessen (europäisch angehauchtes Restaurant mit Live-Musik) ging es noch bis Mitternacht in eine Rooftop Bar zu leckeren Getränken und vielen Rückblicken auf unsere Reise. Kaum zu glauben, dass die Zeit vorbei ist. Wir hatten beide nicht das Gefühl, dass die Zeit verflogen ist, vielmehr konnte man auf sehr viele Erlebnisse zurückblicken, die wohl irgendwie in den letzten knapp 4 Monaten passiert sein mussten. Weiter gings per Uber zum Flughafen und etwas übermüdet landeten wir nach chaotischem Zwischenstopp in Bogota gegen 11 Uhr morgens in der Karibik.



















